Hier finden Sie ausgewählte Informationen zum Thema Lese-/Rechtschreibschwäche und der Legasthenie

Über das Lesen


Lesen ist elementarer Bestandteil der Kommunikation und die Basis allen Lernens. Leider fällt nicht allen das Lesen gleich leicht, so dass das Erwerben der Lesekompetenz mit all seinen Fertigkeiten und Fähigkeiten oft ein mühsames und langwieriges Unterfangen ist – siehe die 26 einzelnen KMK-Bildungsstandards im Kompetenzbereich „Lesen – mit Texten und Medien umgehen“1, die in allen Bundesländern verpflichtend für den Primarbereich sind.

Lesen ist keine einfache Angelegenheit, wie auch die Neurowissenschaftlerinnen Maryanne Wolf 2 zu berichten weiß: „Wir sind nicht zum Lesen geboren. Es gibt keine Gene, die je die Entwicklung des Lesens befohlen hätten. Der Mensch erfand das Lesen erst vor wenigen tausend Jahren. Und mit dieser Erfindung veränderten wir unmittelbar die Organisation unseres Gehirns – was uns wiederum zuvor ungeahnte Denkweisen eröffnete und damit die geistige Evolution in neue Bahnen lenkte.“3 Das Erlernen des Lesens ist also ein sensibler Vorgang und somit hoch komplex.

Andreas Heyer schreibt dazu „Wer mit dem Lesenlernen gut hinkommt, wird auch weiterhin gut mit dem Lernen in der Schule zurechtkommen, einfach, weil man ihm das zutraut, weil er es selber von sich erwartet. Wer mit dem Lesenlernen nicht zurechtkommt, wer dabei scheitert, lernt leider nicht nur ein bisschen später lesen – das wäre nicht weiter beunruhigend! –, er lernt zugleich, beim Lernen in der Schule Misserfolge von sich zu erwarten und zu haben, trotz aller Anstrengungen.“5

Der Erwerb der basalen Lesefähigkeiten zu Beginn der Schulzeit spielt daher eine gewichtige Rolle. John Hattie, Bildungsforscher aus Neuselland, meint: „Die Lehrtätigkeit erfordert bewusste Eingriffe, um sicherzustellen, dass bei den Lernenden eine kognitive Änderung eintritt. Daher sind die wichtigsten Bestandteile: die Kenntnis um die Lernziele, die Einsicht, wenn Lernende diese Absichten erfolgreich verwirklichen; ein ausreichendes Verständnis über die Vorerfahrungen der Lernenden, wenn diese mit einer Aufgabe konfrontiert werden; genügend Kenntnisse über den Stoff, um sinnvolle und anspruchsvolle Erfahrungen in einem ansteigenden Anspruchsniveau anbieten zu können.“5

Die Teilprozesse, die im Moment des Lesens zusammenwirken, unterscheidet man in hierachieniedrig und hierarchiehoch.

Hierarchieniedrige Prozesse sind z.B. das Identifizieren einzelner Buchstaben, Wörter und Sätze; mit bis zu 2 bis 3 Sätzen als einem Sinnzusammenhang. Diese sind die basalen Lesefähigkeiten, eine unabdingbare Basis für flüssiges Lesen. Mit entsprechender Übung sind diese Prozesse weitgehend automatisiert und unbewusst.

Hierarchiehohe Prozesse sind bewusste, nicht-automatisierte, Abläufe, sind z.B. das Gesamtverständnis eines Textes, also das Erkennen und Verstehen, sowie der Durchdringung, der Inhalte des gesamten Textes während des Lesens, sowie übergeordnete „Superstrukturen“ erkennen wie z. B. das Erkennen und Erfassen von Textsorten und das bewusste Wahrnehmen unterschiedlicher Strategien für die Darstellung.

Freie kognitive Ressourcen sind unabdingbare Voraussetzung, um hierarchiehohe Prozesse durchzuführen.6 „Je flüssiger gelesen wird, desto mehr Zeit bleibt für Schlussfolgerungen und Erkenntnisse. Flüssiges Lesen allein sorgt noch nicht für ein besseres Verständnis des Textes. Vielmehr verschafft es dem exekutiven System zusätzliche Zeit, um die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, wo sie am nötigsten gebraucht wird – zum Schlüsseziehen, Verstehen, Vorhersagen oder zuweilen auch, um Widersprüche aufzulösen und einen Sachverhalt neu zu interpretieren. […] So vollbringt das lesende Gehirn die letztlich wichtigste Leistung – es verschafft sich Zeit zum Nachdenken.“ schreibt Dehane dazu 7

Die relevantesten hierarchieniedrigen Prozesse für die ersten Schuljahre kann man wie folgt beschreiben:

Synthesefähigkeit – vollständiges Synthetisieren erlaubt unbekannte Wörter selbständig lesen zu können (Basis ist die Laut-Buchstaben-Bezihung).

Wörter gliedern / strukturieren – Wortteile lesen und Wörter strukturieren

Kontext – Vermutungen über den Textverlauf anhand des Vorwissens und des Zusammenhangs und deren Überprüfung im jeweiligen Kontext

Unbewusstes „automatisches“ Lesen – eine sichere Synthesefähigkeit führt zu einer „Automatisierung“ des Lesens und einem inhaltlichen Textverständnis

Subsummierend kann man sagen: „Lesen ist Verstehen.“

Quellen:

„Lesen in Deutschland“ – http://www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php?object=journal&lid=1230

„Auf den Anfang kommt es an Basale Lesefähigkeiten sicher erwerben“ – Herausgeber: Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM), Dezember 2013, Autorinnen: Irene Hoppe, Jutta Schwenke
Download unter: www.bildungsserver.berlin-brandenburg.de

Anmerkungen:
1 Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, 2005, S. 11ff.
2 Wolf, 2009, Klappentext
3 Wolf, 2009, ebenda
4 Heyer, 1975, S. 293
5 Hattie, 2013, S. 28
6 Vgl. Rosebrock/Nix, 2008, S. 17 ff.
7 Dehaene, 2010, S. 156

Kinder lernen Lesen

Die Fähigkeit des Lesens ist wichtig für die gesamte Entwicklung des Kindes, von sozialer Interaktion bis hin zum Zugang zu Wissen. Aus diesem Grund steht das Erlernen dieser Fähigkeit im Fokus in den frühen Schuljahren.

Jeder Mensch lernt am besten, wenn er motiviert ist. Für Kinder insbesondere ist auch die Didaktik, die von Lehrern und Kindern angewandt wird, entscheidend. Am besten beginnt man mit einfachen Übungen und steigert in der Folge die Schwierigkeit; je nach Lernfortschritt. Zudem ist es wichtig das Erlernte zu wiederholen, damit es sich gut einprägt. Das Erwerben von Lesetechniken, wie die Zusammensetzung von Silben aus einzelnen Buchstaben, die von Worten aus einzelnen Silben, die von Sätzen aus einzelnen Worten und die Zusammenhänge und das Verständnis nach Zusammenfügen von Sätzen, entwickelt das kindliche Leseverständnis. Für all dies und den Erwerb der Schriftsprache benötigen Kinder natürlich die Unterstützung der Eltern und Lehrer, die die Entwicklung fortlaufen verfolgen und gegebenenfalls helfend eingreifen. Die Entwicklung des Lesefortschritts kann an der mündlichen Ausdrucksweise des Kindes, dem Verstehen von Sprechlauten und Tönen und Geräuschen aus der Interaktion von Menschen und dem Überprüfen der visuell-räumlichen Wahrnehmung, dem Einhalten von Sprachregeln, sowie motorischen Fähigkeiten, anhand geeigneter Spielen.

Das Lesenlernen kann man allgemein in eine 4-Schritte-Sequenz unterteilen.

1. Zuerst kommen die Laute

Es werden die Laute kennengelernt, verbal und nonverbal in Natur, Konsonanten und Vokale. Schon in jungen Jahre können die meisten Kinder phonetische Spiele gut nutzen.

2. dann die Buchstaben des Alphabets

Laute in Schriftform sind die korrespondierenden Buchstaben. Diese bilden dann Wörter, die wieder Sätze ergeben. Elementar für das Lesenlernen sind natürlich das Lernen des Alphabets mit den dazugehörigen Buchstaben. Zuerst lernen die Kinder das Buchstabenuniversum und danach diese zu lesen und auch zu schreiben. Das Lernen ABC ist die Einführung in die Welt der Buchstaben, die wiederum einzelne Laute kennzeichnen. Das Verbinden der Buchstaben, respektive der korrespondierenden Laute, führt zum Entstehen von Wörtern. Damit das Kind lesen lernt, muss es die Buchstaben in ihrer Gestalt kennenlernen und sich einprägen und diesen dann mit den korrespondierenden Lauten verbinden. Das Lernen der Buchstaben und Laute ist Voraussetzung für das Lesenlernen und daher sollte das Lernen des Alphabets der erste Schritt sein.

3. um dann Silben zu lernen

Hier verbindet das Kind Buchstaben zu Silben, die aus unterschiedlichen Vokal- und Konsonantenkombinationen bestehen. Durch das Lernen von Silben lernt das Kind auch die Buchstaben schneller und kann in der Folge so auch kurze Wörter zusammenhängend lesen.

4. und schließlich Sätze im Zusammenhang zu lesen und verstehen

Ein schwieriger Teil des Lesens mit langsamen Lesetempi ist der Übergang von Silben zu den zusammengesetzten Wörtern. Durch Übung wächst die Anzahl der bekannten Wörter und somit auch die Lesegeschwindigkeit. Wirklich flüssiges Lesen bedarf aber eines guten Leseverständnisses.

Quelle: https://ekidz.eu/blog/

Definition von LRS – Lese- und Rechtschreibstörung

LRS, also die Lese- und Rechtschreibstörung oder Legasthenie, ist die nachhaltige Störung des Erwerbs der Schriftsprache (geschriebene Sprache). Menschen mit LRS haben Schwierigkeiten, gesprochene in geschriebene Sprache umzusetzen und vice versa. Die Störung tritt ohne eine plausible Erklärung wie generelle Minderbegabung oder unzureichende schule Ausbildung auf. Oft können bei frühzeitiger Erkennung Probleme nach entsprechender Therapie kompensiert werden; je später eine Therapie beginnt, desto geringer sind zumeist erzielbare Erfolge.

Eine genetische Prädisposition durch einen Elternteil erhöht die Wahrscheinlichkeit für das Kind legasthenisch zu sein, ist aber nicht zwangsläufig ausschlaggebender Faktor. Die Beeinträchtigung visuelle und auditive Informationen wahrzunehmen scheint bei der Legasthenie beeinträchtigt zu sein. Die Ursache hierfür wird in neurobiologischen und neurophysiologischen Faktoren vermutet, wie z.B. eine verminderte visuelle oder auditive (phonologisches Bewusstsein, also Laute, und deren Zuordnung zu Buchstaben) Wahrnehmungssensibilität.

Bei der Legasthenie wird gemäß ICD-10, internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der Weltgesundheitsorganisation WHO, unterschieden in:

  • Lese- und Rechtschreibstörung (F81.0)
  • isolierter Rechtschreibstörung (F81.1)
  • Rechenstörung (F81.2) und
  • kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten (F81.3; Beeinträchtigung des Lesens, Schreibens und Rechnens)

Eine Frühindikation können z.B. Probleme beim Aufsagen des Alphabets sein, wenn das Kind die Schriftsprache erwirbt, oder auch die Erkennung und Benennung von Buchstaben, sowie das Bilden von Reimen. Später sind oft folgende Symptome indikativ für LRS:

  • Auslassen, Verdrehen oder Hinzufügen von Wörtern oder Wortteilen
  • geringe Lesegeschwindigkeit
  • falsches Ersetzen von Buchstaben, Silben und Wörtern
  • langes Zögern beim Vorlesen, versehentliches Auslassen von Zeilen im Text
  • Buchstaben in Wörtern oder ganze Wörter in einen Satz werden vertauscht
  • Schwierigkeiten bei Doppellauten, also den Diphthongs wie ei, au,, äu, eu, sowie ai, oi und ui, sowie Doppelkonsonanten wie z.B. nn, mm, tt, pp und kk.

Zudem kann das Leseverständnis beeinträchtigt sein, so das Gelesenes nicht wiedergegeben werden kann, keine Schlüsse daraus gezogen oder Zusammenhänge gesehen werden.

Im Allgemeinen sind die Fähigkeiten die Sprache in ihrer Lautstruktur wahrzunehmen und somit die sprachgebenden Silben, Wörter und Sätze. Des weiteren sind die Kenntnisse der Grammatik, also der Rechtschreibregeln oder Orthographie, zumeist beeinträchtigt.

Fast alle Kinder machen zu Beginn Lese- und Rechtschreibfehler; natürlich in unterschiedlichem Maß und Ausprägung. Zumeist nehmen diese Fehler aber im Laufe der Zeit und verschwinden schließlich ganz; oder zumindest weitgehend. Kinder mit Legasthenie weisen eine deutlich höhere Fehlerquote auf und haben oft auch keine „Fehlerkonstanz“, so dass Fehlermuster schwer erkennbar sind. Zudem nimmt die Fehlerquote mit zunehmenden Alter typischerweise auch nicht ab.

Therapeuten bedienen sich oft folgender typisierter von Fehlern, um legasthenische Tendenzen zu erkennen:

  • Fehler bei Phonemen, als dem lautgetreuen Schreiben wie der Zuordnung von Buchstaben und Lauten, der Wortgliederung, Auslassungen von Buchstaben und Worten, deren Verdrehung oder Hinzufügung
  • Orthographische Fehler, also das regelhafte Abweichen beim Schreiben nach Lauten (Ableitung, Groß-/Kleinschreibung) oder aufgrund von Fehlern der Merkfähigkeit

Quellen:

  1. Seite „Lese- und Rechtschreibstörung“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 17. April 2018, 10:21 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Lese-_und_Rechtschreibst%C3%B6rung&oldid=176600093 (Abgerufen: 31. Mai 2018, 10:31 UTC)
  2. https://www.bvl-legasthenie.de/legasthenie/ursachen.html

 

S3-Leitlinie zur Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit einer Lese-und/oder Rechtschreibstörung

Diese Leitlinie ist eine fachübergreifende Richtlinie für die Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen, die von einer Lese-/Rechtschreibstörung oder Legasthenie betroffen sind.

Auch der Bundesverband der Legasthenie stellt die Leitlinie vor und Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne kommentiert diese. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) gab den Anstoß für die Entwicklung der Leitlinie, die dann in der Folge von Herrn Prof. Schulte-Körne koordiniert wurde. Zielgruppe sind nicht nur Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, für Kinder- und Jugendmedizin, Psychiatrie und Psychotherapie, Psychotherapeuten, Lehrkräfte, Schulpsychologen, Sonderpädagogen, Heilpädagogen, Lerntherapeuten, Sprachtherapeuten, Logopäden, sondern auch andere Fachleute, die an der Diagnostik und Behandlung von Lese- und/oder Rechtschreibstörungen mitwirken.

Die offizielle S3-Leitlinie ist auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) www.awmf.org veröffentlicht – Quelle: Deutsche Gesellschaft. für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie u.a. (Herausgeber): S3 Leitlinie Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung. http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-044.html

Quelle: Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. (BVL)- https://www.bvl-legasthenie.de/legasthenie.html